Deutscher Gewerkschaftsbund

Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft

Zur Geschichte

Die "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" ist kein Novum. Sie kann sich auf die Erfahrungen mit Unternehmerpropaganda aus den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts stützen. Von 1951 bis Mitte der 60er Jahre warb der Verein "Die Waage" für die Idee des freien Unternehmertums und der Sozialen Marktwirtschaft.

Finanziert wurde die Lobbyorganisation von finanzstarken Unternehmern. "Die Waage" war die erste, systematisch geplante und auf Grundsätzen ausgefeilter PR-Strategien basierende Werbekampagne des deutschen Unternehmertums nach dem 2. Weltkrieg. In Werbe- und Bettelbriefen wurde das Ziel beschrieben: "...in leicht fasslicher Form mit Zeitungsanzeigen, Plakaten, Filmchen und ähnlichem mehr, ohne Polemik und frei von politischen Aggressionen für die Grundsätze, Handlungszusammenhänge und Erfolge der westdeutschen Wirtschaftsordnung zu werben." Zielgruppe war der "kleine Mann". Er sollte für die Ideologie der Sozialen Marktwirtschaft und die Politik Konrad Adenauers und Ludwig Erhards gewonnen werden. Gegner waren die Sozialdemokratie und die DGB-Gewerkschaften, darunter insbesondere die IG Metall.

Werbestrategisch wurde der "kleine Mann" jeweils zielgruppengemäß angesprochen: Als Arbeiter, Angestellter, Jugendlicher, Hausfrau. Die zentrale Botschaft: Freies Unternehmertum und Soziale Marktwirtschaft schaffen "Wohlstand für alle". Gegenpol waren die gewerkschaftliche Programmatik von expansiver Lohnpolitik, Mitbestimmung und Vergesellschaftung von Schlüsselindustrien.

"Die Waage" arbeitete hochprofessionell. Es wurden die neuesten Erkenntnisse der Massen- und Werbepsychologie genutzt. Von 1951 bis 1965 organisierte die Frankfurter Werbeagentur Brose Inhalte und Kampagnen. Die Agentur bot einen Full-Service aus einer Hand. Sie war nicht nur für die Werbeproduktion verantwortlich, sondern auch für die Streuung und Public Relations. Regelmäßig ließ "Die Waage" Erhebungen beim Allensbacher Institut für Demoskopie durchführen. Dazu heisst es in dem Buch "Haste was, biste was", das die Aktivitäten des Vereins erforschte: "Mit Hilfe des Instruments Meinungsforschung verdeckte Strömungen im Denken und Fühlen der Bevölkerung aufzuspüren und auf dieser Grundlage eine "wissenschaftlich" fundierte und in ihrer Beeinflussungswirkung optimal arbeitende Propaganda aufzubauen, faszinierte freilich nicht allein die Waage-Verantwortlichen...Mit ebensoviel Wohlgefallen dürfte man zur Kenntnis genommen haben, dass Massenbeeinflussung nach amerikanischem PR-Muster auch in der BRD erfolgreich angewendet werden konnte."

Anfang der 70er Jahre lebten informelle Unternehmerkreise wieder auf, die Propaganda gegen die Linke und die Brandt-Scheel-Regierung machten. Einige Bedeutung erreichte dabei insbesondere der "Arbeitskreis Soziale Marktwirtschaft" (ASM) des erzkonservativen Verlegers Heinrich Bauer. Das ideologische Fundament für den Arbeitskreis lieferte der wirtschaftsliberale "Kronberger Kreis", der heute noch existiert und als "Stiftung Marktwirtschaft" wirtschaftsliberale Politikmodelle propagiert. Andere Briefpostfach-Gruppierungen wie die "Steuer-Notgemeinschaft", die "Bürgerinitiative Aktion der Mitte" oder die "Konzentration demokratischer Kräfte" blieben eine Randerscheinung.

Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) arbeitet heute mindestens so professionell wie "Die Waage". Die ausgefeilten Werbestrategien und Meinungsbeeinflussungsprozesse sind vergleichbar. Ebenfalls das Konzept "Alles aus einer Hand". Eine Werbeagentur, ausgestattet mit Millionenbeiträgen, ist nicht nur für die Inhalte verantwortlich sondern auch für die Umsetzung der PR-Strategien. Ein auffälliger Unterschied ist: "Die Waage" arbeitete vor allem mit Zeitungsanzeigen, Plakaten, Werbefilmen und Comic Strips. Dabei war sie als Absender erkennbar. Dagegen arbeitet die INSM heute überwiegend verdeckt. Für den Erfolg ihrer PR-Strategie ist es entscheidend, dass ihre "Botschafter", Inhalte, PR-Artikel usw. jeweils als "neutrale Experten", "neutrale Wissenschaft" oder "neutraler Journalismus" in der Öffentlichkeit, in Schulen und Universitäten, in TV und Printmedien auftauchen. Auch erscheint der Umfang der Aktivitäten der INSM heute wesentlich größer. Entsprechend dem Zeitgeist und der veränderten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Situation unterscheiden sich auch die vermittelten Inhalte erheblich.

Während "Die Waage" noch den sozialen Ausgleich in einer sozialen Marktwirtschaft mit dem Versprechen von "Wohlstand für alle" propagierte, setzt die INSM heute auf einen aggressiven neoliberalen Kurs, der das Wettbewerbsprinzip für alle gesellschaftlichen Bereiche, Abbau des Sozialstaats und drastisches Senken der Staatsquote in den Mittelpunkt der Agitation stellt.

Die Untersuchung über den Verein "Die Waage. Gemeinschaft zur Förderung des sozialen Ausgleichs e.V" erschien in dem Buch "Haste was, biste was! Werbung für die Soziale Marktwirtschaft" von Dirk Schindelbeck und Volker Ilgen (Primus-Verlag, ISBN 3-89678-114-6).


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